Andante Studientagung 2010 Drucken
Monday, 23 August 2010

Europa – Die Frau: eine Kraft für die Demokratie!

Ein grosser Park mit blühenden Bäumen, ein einladendes Haus: Das Kulturzentrum St. Thomas in Strassburg, ganz in der Nähe der Europäischen Institutionen. Kurz gesagt: ein perfekter Ort für die Generalversammlung von Andante vom 15.-18. April 2010.
Rund 60 Teilnehmerinnen aus 13 europäischen Ländern wurden vom regionalen Zweig der französischen Mitgliedsorganisation Action catholique des femmes herzlich empfangen. Am Donnerstagnachmittag, noch vor der offiziellen Eröffnung der Versammlung besuchten viele ihrer Teilnehmerinnen den Europarat.

Demokratie ist für mich …
Wie immer fand vor der statutarischen Versammlung eine Studientagung zu einem spezifischen Thema statt. Dieses Mal war es „Demokratie in Europa – Wie können katholische Frauen ihre Rolle in ihren Demokratien spielen? Wie kann Andante Einfluss auf die europäische Politik nehmen?
Die Teilnehmerinnen wurden gebeten, ein kurzes Statement zu ihrem Verständnis von “Demokratie” vorzubereiten und einige illustrierende Beispiele für ihr demokratisches System aufzuzeigen. Die Präsentationen zeigten klar signifikante Unterschiede – nicht nur im Verständnis, was „Demokratie“ genau meint, sondern wie das System in den verschiedenen europäischen Ländern funktioniert. Einer der benannten Unterschiede zeigte sich zwischen den „alten“ und „jungen“ Demokratien: in Westeuropa gibt es eine wachsende Gleichgültigkeit gegenüber allem was mit Politik zu tun hat, eine Politikverdrossenheit; in Osteuropa wurden die Hoffnungen und Erwartungen der Menschen nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen enttäuscht.
Diese Unterschiede zeigten sich ebenfalls klar während des „Politischen Forums“ am Freitagmorgen, als Politikerinnen von sechs europäischen Ländern ein kurzes Statement zur Demokratie in ihrem Land machten. Unterschiede in der Meinung der Bevölkerung: Menschen, die Freiheit vor allem verstehen als “Freiheit”, als ein Recht und weniger als eine Verantwortung, eine Pflicht. Unterschiede auch in Bezug auf die Rolle der BürgerInnen und der Zivilgesellschaft bei Entscheidungsprozessen: In einigen Ländern gibt es einen wirklichen Dialog; Organisationen und Bürger werden dabei einbezogen (Schweiz!). In andern Länder sind es die „Politiker”, die entscheiden, was wichtig ist; sehr of nehmen sie eine Haltung des Misstrauens gegenüber der Bevölkerung und der Zivilgesellschaft ein: in diesen Fälle verkommt der Dialog zu einem Monolog. 

Individualismus: eine negative oder eine positive Kraft?
Nach den Statements fand eine lebhafte Debatte sowohl unter den Podiumsteilnehmerinnen wie mit den Teilnehmerinnen statt. Gret Haller (Universitätsdozentin, Politikwissenschaftlerin, Publizistin und ehemalige Botschafterin für die Schweiz am Europarat) moderierte diese Debatte hervorragend. Es wurde darauf hingewiesen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Frauen und Männern, wie sie sich in der Politik engagieren. Frauen ziehen es vor, auf der lokalen Ebene aktiv zu sein, weil sie glauben, dass sie den konkreteren Aufgaben besser gewachsen sind.
In allen Ländern scheint es an Interesse für „Politik“ im Allgemeinen zu mangeln, besonders unter jungen Menschen. Die aufgezeigten Gründe dafür sind: ein allgemeines Misstrauen gegenüber der „Politik“ und die Unglaubwürdigkeit von Politikern wegen unerfüllter Wahlversprechen, der Komplexität der Themen, der unklaren Sprache, dem Mangel an Transparenz u.a. aber auch wegen dem Einfluss von Lobby Gruppen etc. Der zunehmende Individualismus, wo Menschen nur an sich denken und ihre eigenen Interessen und Wünsche erfüllen wollen, wurde als einer der negativsten Faktoren genannt. Gret Haller zeigt dagegen den positiven Aspekt auf. Die Geschichte eines Landes wurde immer davon beeinflusst, wie die Demokratie sich entwickelte. Darum gibt es auch so viele Unterschiede unter den verschiedenen Staaten. Wir sollten diese Unterschiede pflegen, weil beim „Aufbau von Europa“ dieser Pluralismus eine Kraft für die Demokratie ist.
Individualismus kann auch eine positive Kraft sein. Weil persönliche Freiheit mehr ist, als einfach zu akzeptieren, was die Mehrheit des Volkes zu einem bestimmten Thema denkt. In diesem Sinn kann der Individualismus erreichen, dass die Leute sich eine eigene Meinung bilden. Darauf sollten sich unsere Prioritäten in unseren Verbänden und Ländern beziehen: Ausbildung für die Demokratie, damit jede und jeder seine eigene Meinung auf Grund seiner persönlichen Erfahrung bilden kann, und dann auf Grund dieser eigenen Meinung fähig und willig ist, seine Verantwortung wahrzunehmen.

Mehr Frauen in die (europäische) Politik!
Immer wieder betonten die Rednerinnen die Wichtigkeit, dass Frauen aktiv (aktiver) werden in der Politik. Sie sollten sich engagieren im von Männern dominierten politischen System, und (auch) noch wichtiger auf europäischer Ebene. Nur wenn Frauen die Chancen, die die Demokratie anbietet, nutzen, wenn sie die Posten besetzen, wo politisch wichtige Entscheidungen getroffen werden, mit andern Worten, wenn sie in Machtpositionen sind, nur dann werden sie fähig sein, Dinge (für Frauen) zu verändern. Macht an sich ist nicht schlecht oder schmutzig, wenn sie benutzt wird, dem allgemeinen Wohl zu dienen.
Ähnliche Ansichten wurden auch in den Diskussionsgruppen geäussert. Einige sehr konkrete Projekte wurden formuliert, wie Pläne für eine bilaterale Zusammenarbeit. Es war interessant festzustellen, dass und wie Delegierte, beeinflusst durch das Gehörte und lernend während den Studientagen, ihr Verständnis von „Demokratie ist für mich…“ geändert bzw. nuanciert haben.

Seitenprogramm
Erwähnenswert ist das Kulturprogramm, das uns die Acf geboten hat: der Besuch der grossartigen Kathedrale, das Nachtessen im alten Zollhaus (aus dem 17. Jahrhundert) mit typischen regionalen Speisen und Wein, eine Bootsfahrt durch das historische Zentrum, eine Aufführung einer folkloristischen Tanz- und Singgruppe. So wie das traditionelle „internationale Buffet“ bot auch dieser Ausflug viel Gelegenheit für informelle Treffen und Diskussionen, um die besondere Eigenart der andern zu entdecken, kurz: fürs Netzwerken.
Ein ausführlicher Bericht wir im September auf der Andante Webseite zu lesen sein. Gedruckte Kopien können bestellt werden über die Sekretariatsadresse   . Sie werden Ihnen zugestellt unter Verrechnung der Kopier- und der Versandspesen.

 
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